Es war keine Zeit, um lange depressiv zu bleiben. Ich musste hier weg, schnellstens – das war mir zwar irgendwo bewusst, doch ich tauchte einfach nicht wieder auf.
„Lola, so kann das doch nicht weiter gehen. Du musst hier weg. Er hat deine Freundin erschossen, willst du zulassen, dass er dich auch noch erwischt? Er hat doch schon genug Gründe dafür. Erst verweigerst du dich ihm und dann ziehst du ihn noch knallhart ab.“
„Dann soll er mich halt kriegen. Es hat doch eh keinen Sinn mehr.“ Für mich ging jeder Sinn gestern Abend verloren.
„Hör auf so zu denken. Nichts ist verloren. Du musst weiter leben, du musst hier verschwinden. Mikel und ich werden dir helfen. Du bekommst einen neuen Pass mit neuem Namen, wirst jünger gemacht und aus der Datenbank gelöscht.
Ab heute Mittag bist du dann Amerikanerin.“
Ich dachte darüber nach. Konnte das alles wirklich so einfach sein. Konnte man mich wirklich einfach so in luftauflösen lassen? Nie im Leben, es würde bestimmt alles ganz schief laufen, grundsätzlich schief! – Es war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, dass ich mich wiedersetzte – ich hatte Angst.
„Ich will euch nicht verlieren!“
„Wenn es sein müsste, könnten wir mitkommen. Du könntest zwei starke Hände gebrauchen!“
„Ihr gebt nicht alles wegen mir auf! Ihr werdet jemand Neues finden, den ihr beim Rennen unterstützen könnt.“, trotzte ich.
„Nein, können wir nicht. Du wirst als Beste gehen und niemand wird dir folgen. Unser Team hat nur wegen uns allen so gut funktioniert und das weißt du auch und nun packst du deinen Kack zusammen, damit wir nachher pünktlich los können, verstanden?“ Ich nickte abwesend – es hatte eh keinen Sinn zu protestieren.
Gegen eins kam dann auch Mikel zu uns. Ich öffnete die Tür und umarmte ihn.
„Hast du die Autos schon verschiffen lassen?“, fragte er John.
„Klar alles schon geklärt. Wir werden aber dennoch mit deinem zweiten R8 fahren, wenn du nichts dagegen hast und Mikel wird später folgen , sobald er alles erledigt hat.“
Ich nickte nur.
„Das Auto steht vor deiner Tür. Pack dein Zeug ein.“
„Ich werde nichts mitnehmen nur eine Jacke, sonst brauche ich nichts.“
„Dann los, komm. Wir sollten von hier verschwinden!“ Er drückte mich durch die Tür und ich gab Mikel noch meine Wohnungsschlüssel. Langsam lief ich die Treppe herunter und verabschiedete mich leise von meinem Zuhause.
Ich hatte nicht vor noch einmal hier aufzutauchen, es handelte sich nur noch um Stunden, bis sie herrausgefunden hatten, wo ich hauste.
„Lola, so kann das doch nicht weiter gehen. Du musst hier weg. Er hat deine Freundin erschossen, willst du zulassen, dass er dich auch noch erwischt? Er hat doch schon genug Gründe dafür. Erst verweigerst du dich ihm und dann ziehst du ihn noch knallhart ab.“
„Dann soll er mich halt kriegen. Es hat doch eh keinen Sinn mehr.“ Für mich ging jeder Sinn gestern Abend verloren.
„Hör auf so zu denken. Nichts ist verloren. Du musst weiter leben, du musst hier verschwinden. Mikel und ich werden dir helfen. Du bekommst einen neuen Pass mit neuem Namen, wirst jünger gemacht und aus der Datenbank gelöscht.
Ab heute Mittag bist du dann Amerikanerin.“
Ich dachte darüber nach. Konnte das alles wirklich so einfach sein. Konnte man mich wirklich einfach so in luftauflösen lassen? Nie im Leben, es würde bestimmt alles ganz schief laufen, grundsätzlich schief! – Es war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, dass ich mich wiedersetzte – ich hatte Angst.
„Ich will euch nicht verlieren!“
„Wenn es sein müsste, könnten wir mitkommen. Du könntest zwei starke Hände gebrauchen!“
„Ihr gebt nicht alles wegen mir auf! Ihr werdet jemand Neues finden, den ihr beim Rennen unterstützen könnt.“, trotzte ich.
„Nein, können wir nicht. Du wirst als Beste gehen und niemand wird dir folgen. Unser Team hat nur wegen uns allen so gut funktioniert und das weißt du auch und nun packst du deinen Kack zusammen, damit wir nachher pünktlich los können, verstanden?“ Ich nickte abwesend – es hatte eh keinen Sinn zu protestieren.
Gegen eins kam dann auch Mikel zu uns. Ich öffnete die Tür und umarmte ihn.
„Hast du die Autos schon verschiffen lassen?“, fragte er John.
„Klar alles schon geklärt. Wir werden aber dennoch mit deinem zweiten R8 fahren, wenn du nichts dagegen hast und Mikel wird später folgen , sobald er alles erledigt hat.“
Ich nickte nur.
„Das Auto steht vor deiner Tür. Pack dein Zeug ein.“
„Ich werde nichts mitnehmen nur eine Jacke, sonst brauche ich nichts.“
„Dann los, komm. Wir sollten von hier verschwinden!“ Er drückte mich durch die Tür und ich gab Mikel noch meine Wohnungsschlüssel. Langsam lief ich die Treppe herunter und verabschiedete mich leise von meinem Zuhause.
Ich hatte nicht vor noch einmal hier aufzutauchen, es handelte sich nur noch um Stunden, bis sie herrausgefunden hatten, wo ich hauste.
Gemächlich stieg ich auf der Fahrerseite des Wagens ein und wartete noch, bis auch die Beifahrertür geschlossen wurde, dann gab ich Gas.
Wir fuhren gemütlich durch die Stadt, aber irgendwas beunruhigte mich.
„John, kennst du das Kennzeichen hinter uns?“, fragte ich, denn das Auto verfolgte uns jetzt schon ein bisschen länger.
Er drehte sich um und ich hörte nur ein leises „Das darf nicht wahr sein.“ Und dann schrie er nur noch „Gib Gas verdammt, los wir müssen hier weg, es ist Ryan!“
Sofort tat ich wie mir geheißen und trat das Gaspedal durch.
„Scheiße man, fahr, das wird verdammt knapp! Du darfst dir keine Fehler erlauben, sonst sind wir dran.“
Ich achtete aus Gewohnheit nicht auf das, was er sagte, sondern konzentrierte mich darauf, Ryan abzuhängen. Keiner kannte die Straßen Frankfurts so gut wie ich. Ich hätte hier mit geschlossenen Augen jeden Winkel finden können.
Ich fuhr jetzt scharf rechts dann gleich wieder links und die Übernächste wieder links. Ich achtete nicht darauf, wo ich hinfuhr.
Auf einmal schrie John neben mir auf. Du fährst mit 100 durch die Stadt.“
„Wir werden verfolgt, da muss ich schnell sein.“ Wieder schaltete und beschleunigte ich.
Wir fuhren gemütlich durch die Stadt, aber irgendwas beunruhigte mich.
„John, kennst du das Kennzeichen hinter uns?“, fragte ich, denn das Auto verfolgte uns jetzt schon ein bisschen länger.
Er drehte sich um und ich hörte nur ein leises „Das darf nicht wahr sein.“ Und dann schrie er nur noch „Gib Gas verdammt, los wir müssen hier weg, es ist Ryan!“
Sofort tat ich wie mir geheißen und trat das Gaspedal durch.
„Scheiße man, fahr, das wird verdammt knapp! Du darfst dir keine Fehler erlauben, sonst sind wir dran.“
Ich achtete aus Gewohnheit nicht auf das, was er sagte, sondern konzentrierte mich darauf, Ryan abzuhängen. Keiner kannte die Straßen Frankfurts so gut wie ich. Ich hätte hier mit geschlossenen Augen jeden Winkel finden können.
Ich fuhr jetzt scharf rechts dann gleich wieder links und die Übernächste wieder links. Ich achtete nicht darauf, wo ich hinfuhr.
Auf einmal schrie John neben mir auf. Du fährst mit 100 durch die Stadt.“
„Wir werden verfolgt, da muss ich schnell sein.“ Wieder schaltete und beschleunigte ich.
130 km/h
150 km/h
Rote Ampel, egal! Große Kreuzung - interessiert mich nicht. Ich fuhr direkt auf die Autobahn.
Und dort ließ ich meinen R erst richtig los.
Und dort ließ ich meinen R erst richtig los.
220 km/h
230 km/h
270 km/h
300 km/h
Die Straße war so gut wie frei. Ich wusste, dass mich keiner mehr einholen konnte. Die nächste Ausfahrt führt genau zum Flughafen. Ich gab noch mehr Gas, bevor ich um die Kurve driftete.
Erst kurz vor dem Flughafen nahm ich den Fuß vom Gas und bremste ab. John und ich sprangen aus dem Auto und rannten durch den Flughafen. Jede Sekunde zählte. Zum Glück war nicht viel los und niemand hielt uns ernsthaft auf.
Dann kamen wir endlich ans Gate und konnten sofort einsteigen. John hatte die erste Klasse gebucht - ich wusste nicht, woher er das viele Geld hatte.
„Mach dir keine Gedanken darum, es ist unwichtig.“
Ich wusste nicht, was ich daraufhin hätte sagen sollen. >>Nein ist es nicht!<< Wenn ich nicht lache. In solchen Dingen war er so unheimlich stur.
„Hast du dort schon eine Wohnung für uns gefunden?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ja und auch wieder nein.“, entgegnete er nur. Was hatte das zu bedeuten. Ich schaute ihn verwirrt an. „Ich habe eine Wohnung für mich gefunden, aber du wirst erst einmal in einem Heim untergebracht werden.“
Entsetzt schaute ich ihn an. „Wie kannst du mir das nur antun und das auch noch gerade jetzt!“, flüsterte ich leise und merkte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen. Er schob mich einfach ab!
„Es geht nicht anders. Aber sie meinten sie würden sich um eine Pflegefamilie kümmern, und sobald sie jemanden haben, kannst du so schnell wie möglich dort wieder heraus.“
„Aber ich bin neunzehn, verdammt!“
„Nach deinem Ausweis bist du erst 16.“, entgegnete er und somit war die Diskussion beendet.
Erst kurz vor dem Flughafen nahm ich den Fuß vom Gas und bremste ab. John und ich sprangen aus dem Auto und rannten durch den Flughafen. Jede Sekunde zählte. Zum Glück war nicht viel los und niemand hielt uns ernsthaft auf.
Dann kamen wir endlich ans Gate und konnten sofort einsteigen. John hatte die erste Klasse gebucht - ich wusste nicht, woher er das viele Geld hatte.
„Mach dir keine Gedanken darum, es ist unwichtig.“
Ich wusste nicht, was ich daraufhin hätte sagen sollen. >>Nein ist es nicht!<< Wenn ich nicht lache. In solchen Dingen war er so unheimlich stur.
„Hast du dort schon eine Wohnung für uns gefunden?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ja und auch wieder nein.“, entgegnete er nur. Was hatte das zu bedeuten. Ich schaute ihn verwirrt an. „Ich habe eine Wohnung für mich gefunden, aber du wirst erst einmal in einem Heim untergebracht werden.“
Entsetzt schaute ich ihn an. „Wie kannst du mir das nur antun und das auch noch gerade jetzt!“, flüsterte ich leise und merkte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen. Er schob mich einfach ab!
„Es geht nicht anders. Aber sie meinten sie würden sich um eine Pflegefamilie kümmern, und sobald sie jemanden haben, kannst du so schnell wie möglich dort wieder heraus.“
„Aber ich bin neunzehn, verdammt!“
„Nach deinem Ausweis bist du erst 16.“, entgegnete er und somit war die Diskussion beendet.
Zehn Stunden Flug, noch nie war ich in meinem Leben geflogen und jetzt gleich so lange. Aber es machte mir glücklicherweise nichts aus. Ich saß auf meinem Sitz und schaute irgendeinen Film, doch sobald er romantisch wurde, brach ich ihn ab.
So etwas konnte ich mir nicht ansehen, nicht jetzt. Vielleicht in ein paar Monaten, aber nicht im Moment – zu tief saß noch der Schmerz, zu nah waren noch die Erinnerungen, zu deutlich. Es fühlte sich an, als wären sie tief in mein Hirn eingebrannt. Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder sah ich es vor mir, hörte die Schüsse und spürte das Blut, ihr Blut.
Vorsichtig fühlte ich eine Hand an meiner Schulter und merkte erst jetzt, dass ich eingeschlafen war.
„Hey ich bin da.“, flüsterte die bekannte Stimme, „Keine Angst, es wird wieder gut. Mit der Zeit gewöhnst du dich an die Bilder, vertrau mir.“
„Nein John, ich weiß, wie es damals war, aber so ist es nicht. Er stand mir nicht so nahe, er stand dir nicht so nahe, wie sie mir. Sie war mein Leben und jetzt ist sie weg und kommt nie wieder, verstehst du nicht, sie wird nicht wieder kommen, nie mehr.“, sagte ich aufgebracht und merkte, wie ich wieder anfing zu weinen.
John nahm mich in den Arm. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
Eine Stewardess kam öfters vorbei und fragte John, ob mit mir etwas nicht stimmte, doch John sagte immer, es sei alles in Ordnung.
Nach weiteren vier Stunden Flug kamen wir endlich an. Die Tür des Flugzeugs ging auf und ich schritt hinaus. New York, eine bessere Stadt zum Untertauchen, hätte er sich gar nicht aussuchen können.
Wir verließen den Flieger und gingen durch die Passkontrolle zu einem Taxi.
John sagte dem Taxifahrer, wo er hin musste, während ich schweigend aus dem Fenster starrte. Seit der Flucht heute Mittag waren meine Gedanken und mein Wahrnehmungssinn wieder aufgeklart. Sie riss mich aus der Trance heraus.
„Wir sind gleich da, Lola.“ Ich nickte, „Denk dran, den Erziehern deinen neuen Namen zu nennen.“ Nochmals nickte ich.
Einige Minuten später hielt das Taxi vor einem großen tristen Haus. Es war genauso grau und unfreundlich, wie ich es mir vorgestellt hatte.
„Ich soll nicht dort in diesem Dreckloch leben, oder?! Das ist nicht dein Ernst!“, schrie ich ihn an.
„Es ist nur für kurze Zeit, Isabella.“ Bei dem Namen zuckte ich zusammen. Nie nannte er mich so. Dieser Name gehörte meiner Vergangenheit an, dachte ich, bis ich auf den Ausweis starrte. Er hatte tatsächlich meinen richtigen Namen verwendet, wie dumm war er eigentlich. Aber jetzt war es zu spät zum Protestieren.
Wir stiegen aus und er brachte mich hinein.
„Guten Tag“, sagte eine ältere Frau freundlich, „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich hatte gestern schon angerufen. Isabella hat ihre Eltern verloren und es gibt keine Angehörigen mehr“ Sie nickte, das hieß, sie wusste Bescheid.
„Komm gerade mit, wir müssen deine Personalien aufnehmen und dich nachher noch an der Schule anmelden. In welcher Stufe warst du noch einmal?“
„In der Elften“
Es dauerte Stunden, bis sie meine ganzen Personalien hatten. Was sie alles wissen wollten, es war unglaublich. Doch, als sie fragte was passiert sei, verweigerte ich mich.
Irgendwann stand die Frau, deren Namen ich immer noch nicht wusste, auf und brachte mich in ein tristes Zimmer.
„Hier wirst du die nächste Zeit wohnen, bis wir jemanden gefunden haben. Morgen beginnt die Schule, du musst pünktlich dort ankommen und wir erwarten auch, dass du dich vor zehn Uhr abends wieder hier einfindest, hast du das verstanden?!“ Ich nickte. Widersprechen war eh sinnlos.
Sie verließ das Zimmer zusammen mit John und ich blieb alleine zurück. Nie wollte ich in so einem Albtraum enden. Nie hätte ich damit gerechnet, dass genau mir so etwas passieren würde. Hätte ich dieses Dilemma auch nur geahnt, wäre ich geflohen, bevor ich ihn überhaupt getroffen hatte.
Ich ließ mich auf das hässliche Bett fallen und fing an zu weinen. Alles heulte ich aus mir heraus. Meinen Kummer, meine Ängste. Nichts sollte morgen in der Schule irgendjemanden dazu veranlassen, sich Gedanken über meine Vergangenheit zu machen.
Niemand sollte wissen, wo ich zurzeit lebte und warum ich die Schule gewechselt habe.
Aber das war das geringste Problem.
Wenn ich eine neue Familie bekam, musste ich ihnen dann auch mein wahres Alter verschweigen, musste ich dann so tun, als hätte ich keine Ahnung von Autos? Was würden sie sagen, wenn sie mich mit zwei 25 Jährigen zusammen sehen.
Alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Ich hatte Angst vor der Zukunft, Angst davor zu vergessen, wer ich war, was ich war.
Mir lief ein Schauer über den Rücken, bevor ich irgendwann vor Erschöpfung einschlief.
Doch meine Nacht wurde früher beendet, als erwartet.
Ich träumte schlecht. Alles fühlte sich so echt an. Ich sah mehrere unzusammenhängende Bilder hintereinander. Zuckte zusammen und wachte schweißgebadet auf. Automatisch schaute ich auf die Uhr.
So etwas konnte ich mir nicht ansehen, nicht jetzt. Vielleicht in ein paar Monaten, aber nicht im Moment – zu tief saß noch der Schmerz, zu nah waren noch die Erinnerungen, zu deutlich. Es fühlte sich an, als wären sie tief in mein Hirn eingebrannt. Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder sah ich es vor mir, hörte die Schüsse und spürte das Blut, ihr Blut.
Vorsichtig fühlte ich eine Hand an meiner Schulter und merkte erst jetzt, dass ich eingeschlafen war.
„Hey ich bin da.“, flüsterte die bekannte Stimme, „Keine Angst, es wird wieder gut. Mit der Zeit gewöhnst du dich an die Bilder, vertrau mir.“
„Nein John, ich weiß, wie es damals war, aber so ist es nicht. Er stand mir nicht so nahe, er stand dir nicht so nahe, wie sie mir. Sie war mein Leben und jetzt ist sie weg und kommt nie wieder, verstehst du nicht, sie wird nicht wieder kommen, nie mehr.“, sagte ich aufgebracht und merkte, wie ich wieder anfing zu weinen.
John nahm mich in den Arm. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
Eine Stewardess kam öfters vorbei und fragte John, ob mit mir etwas nicht stimmte, doch John sagte immer, es sei alles in Ordnung.
Nach weiteren vier Stunden Flug kamen wir endlich an. Die Tür des Flugzeugs ging auf und ich schritt hinaus. New York, eine bessere Stadt zum Untertauchen, hätte er sich gar nicht aussuchen können.
Wir verließen den Flieger und gingen durch die Passkontrolle zu einem Taxi.
John sagte dem Taxifahrer, wo er hin musste, während ich schweigend aus dem Fenster starrte. Seit der Flucht heute Mittag waren meine Gedanken und mein Wahrnehmungssinn wieder aufgeklart. Sie riss mich aus der Trance heraus.
„Wir sind gleich da, Lola.“ Ich nickte, „Denk dran, den Erziehern deinen neuen Namen zu nennen.“ Nochmals nickte ich.
Einige Minuten später hielt das Taxi vor einem großen tristen Haus. Es war genauso grau und unfreundlich, wie ich es mir vorgestellt hatte.
„Ich soll nicht dort in diesem Dreckloch leben, oder?! Das ist nicht dein Ernst!“, schrie ich ihn an.
„Es ist nur für kurze Zeit, Isabella.“ Bei dem Namen zuckte ich zusammen. Nie nannte er mich so. Dieser Name gehörte meiner Vergangenheit an, dachte ich, bis ich auf den Ausweis starrte. Er hatte tatsächlich meinen richtigen Namen verwendet, wie dumm war er eigentlich. Aber jetzt war es zu spät zum Protestieren.
Wir stiegen aus und er brachte mich hinein.
„Guten Tag“, sagte eine ältere Frau freundlich, „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich hatte gestern schon angerufen. Isabella hat ihre Eltern verloren und es gibt keine Angehörigen mehr“ Sie nickte, das hieß, sie wusste Bescheid.
„Komm gerade mit, wir müssen deine Personalien aufnehmen und dich nachher noch an der Schule anmelden. In welcher Stufe warst du noch einmal?“
„In der Elften“
Es dauerte Stunden, bis sie meine ganzen Personalien hatten. Was sie alles wissen wollten, es war unglaublich. Doch, als sie fragte was passiert sei, verweigerte ich mich.
Irgendwann stand die Frau, deren Namen ich immer noch nicht wusste, auf und brachte mich in ein tristes Zimmer.
„Hier wirst du die nächste Zeit wohnen, bis wir jemanden gefunden haben. Morgen beginnt die Schule, du musst pünktlich dort ankommen und wir erwarten auch, dass du dich vor zehn Uhr abends wieder hier einfindest, hast du das verstanden?!“ Ich nickte. Widersprechen war eh sinnlos.
Sie verließ das Zimmer zusammen mit John und ich blieb alleine zurück. Nie wollte ich in so einem Albtraum enden. Nie hätte ich damit gerechnet, dass genau mir so etwas passieren würde. Hätte ich dieses Dilemma auch nur geahnt, wäre ich geflohen, bevor ich ihn überhaupt getroffen hatte.
Ich ließ mich auf das hässliche Bett fallen und fing an zu weinen. Alles heulte ich aus mir heraus. Meinen Kummer, meine Ängste. Nichts sollte morgen in der Schule irgendjemanden dazu veranlassen, sich Gedanken über meine Vergangenheit zu machen.
Niemand sollte wissen, wo ich zurzeit lebte und warum ich die Schule gewechselt habe.
Aber das war das geringste Problem.
Wenn ich eine neue Familie bekam, musste ich ihnen dann auch mein wahres Alter verschweigen, musste ich dann so tun, als hätte ich keine Ahnung von Autos? Was würden sie sagen, wenn sie mich mit zwei 25 Jährigen zusammen sehen.
Alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Ich hatte Angst vor der Zukunft, Angst davor zu vergessen, wer ich war, was ich war.
Mir lief ein Schauer über den Rücken, bevor ich irgendwann vor Erschöpfung einschlief.
Doch meine Nacht wurde früher beendet, als erwartet.
Ich träumte schlecht. Alles fühlte sich so echt an. Ich sah mehrere unzusammenhängende Bilder hintereinander. Zuckte zusammen und wachte schweißgebadet auf. Automatisch schaute ich auf die Uhr.
3.30
Super.
Ich drehte mich um, versuchte wieder in den Schlaf zu finden, aber ich war zu verängstigt. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Nun lag ich wach im Bett und wartete darauf, dass die Sonne aufging.