Dienstag, 29. März 2011

Kapitel 2 - Flucht und ankunft in New York


Es war keine Zeit, um lange depressiv zu bleiben. Ich musste hier weg, schnellstens – das war mir zwar irgendwo bewusst, doch ich tauchte einfach nicht wieder auf.
„Lola, so kann das doch nicht weiter gehen. Du musst hier weg. Er hat deine Freundin erschossen, willst du zulassen, dass er dich auch noch erwischt? Er hat doch schon genug Gründe dafür. Erst verweigerst du dich ihm und dann ziehst du ihn noch knallhart ab.“
„Dann soll er mich halt kriegen. Es hat doch eh keinen Sinn mehr.“ Für mich ging jeder Sinn gestern Abend verloren.
„Hör auf so zu denken. Nichts ist verloren. Du musst weiter leben, du musst hier verschwinden. Mikel und ich werden dir helfen. Du bekommst einen neuen Pass mit neuem Namen, wirst jünger gemacht und aus der Datenbank gelöscht.
Ab heute Mittag bist du dann Amerikanerin.“
Ich dachte darüber nach. Konnte das alles wirklich so einfach sein. Konnte man mich wirklich einfach so in luftauflösen lassen? Nie im Leben, es würde bestimmt alles ganz schief laufen, grundsätzlich schief! – Es war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, dass ich mich wiedersetzte – ich hatte Angst.
„Ich will euch nicht verlieren!“
„Wenn es sein müsste, könnten wir mitkommen. Du könntest zwei starke Hände gebrauchen!“
„Ihr gebt nicht alles wegen mir auf! Ihr werdet jemand Neues finden, den ihr beim Rennen unterstützen könnt.“, trotzte ich.
„Nein, können wir nicht. Du wirst als Beste gehen und niemand wird dir folgen. Unser Team hat nur wegen uns allen so gut funktioniert und das weißt du auch und nun packst du deinen Kack zusammen, damit wir nachher pünktlich los können, verstanden?“ Ich nickte abwesend – es hatte eh keinen Sinn zu protestieren.
Gegen eins kam dann auch Mikel zu uns. Ich öffnete die Tür und umarmte ihn.
„Hast du die Autos schon verschiffen lassen?“, fragte er John.
„Klar alles schon geklärt. Wir werden aber dennoch mit deinem zweiten R8 fahren, wenn du nichts dagegen hast und Mikel wird später folgen , sobald er alles erledigt hat.“
Ich nickte nur.
„Das Auto steht vor deiner Tür. Pack dein Zeug ein.“
„Ich werde nichts mitnehmen nur eine Jacke, sonst brauche ich nichts.“
„Dann los, komm. Wir sollten von hier verschwinden!“ Er drückte mich durch die Tür und ich gab Mikel noch meine Wohnungsschlüssel. Langsam lief ich die Treppe herunter und verabschiedete mich leise von meinem Zuhause.
Ich hatte nicht vor noch einmal hier aufzutauchen, es handelte sich nur noch um Stunden, bis sie herrausgefunden hatten, wo ich hauste. 

Gemächlich stieg ich auf der Fahrerseite des Wagens ein und wartete noch, bis auch die Beifahrertür geschlossen wurde, dann gab ich Gas.
Wir fuhren gemütlich durch die Stadt, aber irgendwas beunruhigte mich.
„John, kennst du das Kennzeichen hinter uns?“, fragte ich, denn das Auto verfolgte uns jetzt schon ein bisschen länger.
Er drehte sich um und ich hörte nur ein leises „Das darf nicht wahr sein.“ Und dann schrie er nur noch „Gib Gas verdammt, los wir müssen hier weg, es ist Ryan!“
Sofort tat ich wie mir geheißen und trat das Gaspedal durch.
„Scheiße man, fahr, das wird verdammt knapp! Du darfst dir keine Fehler erlauben, sonst sind wir dran.“
Ich achtete aus Gewohnheit nicht auf das, was er sagte, sondern konzentrierte mich darauf, Ryan abzuhängen. Keiner kannte die Straßen Frankfurts so gut wie ich. Ich hätte hier mit geschlossenen Augen jeden Winkel finden können.
Ich fuhr jetzt scharf rechts dann gleich wieder links und die Übernächste wieder links. Ich achtete nicht darauf, wo ich hinfuhr.
Auf einmal schrie John neben mir auf. Du fährst mit 100 durch die Stadt.“
„Wir werden verfolgt, da muss ich schnell sein.“ Wieder schaltete und beschleunigte ich. 


130 km/h


150 km/h

Rote Ampel, egal! Große Kreuzung - interessiert mich nicht. Ich fuhr direkt auf die Autobahn.
Und dort ließ ich meinen R erst richtig los. 


220 km/h


230 km/h


270 km/h


300 km/h

Die Straße war so gut wie frei. Ich wusste, dass mich keiner mehr einholen konnte. Die nächste Ausfahrt führt genau zum Flughafen. Ich gab noch mehr Gas, bevor ich um die Kurve driftete.
Erst kurz vor dem Flughafen nahm ich den Fuß vom Gas und bremste ab. John und ich sprangen aus dem Auto und rannten durch den Flughafen. Jede Sekunde zählte. Zum Glück war nicht viel los und niemand hielt uns ernsthaft auf.
Dann kamen wir endlich ans Gate und konnten sofort einsteigen. John hatte die erste Klasse gebucht - ich wusste nicht, woher er das viele Geld hatte.
„Mach dir keine Gedanken darum, es ist unwichtig.“
Ich wusste nicht, was ich daraufhin hätte sagen sollen. >>Nein ist es nicht!<<  Wenn ich nicht lache. In solchen Dingen war er so unheimlich stur.
„Hast du dort schon eine Wohnung für uns gefunden?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ja und auch wieder nein.“, entgegnete er nur. Was hatte das zu bedeuten. Ich schaute ihn verwirrt an. „Ich habe eine Wohnung für mich gefunden, aber du wirst erst einmal in einem Heim untergebracht werden.“
Entsetzt schaute ich ihn an. „Wie kannst du mir das nur antun und das auch noch gerade jetzt!“, flüsterte ich leise und merkte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen. Er schob mich einfach ab!
„Es geht nicht anders. Aber sie meinten sie würden sich um eine Pflegefamilie kümmern, und sobald sie jemanden haben, kannst du so schnell wie möglich dort wieder heraus.“
„Aber ich bin neunzehn, verdammt!“
„Nach deinem Ausweis bist du erst 16.“, entgegnete er und somit war die Diskussion beendet.
 
Zehn Stunden Flug, noch nie war ich in meinem Leben geflogen und jetzt gleich so lange. Aber es machte mir glücklicherweise nichts aus. Ich saß auf meinem Sitz und schaute irgendeinen Film, doch sobald er romantisch wurde, brach ich ihn ab.
So etwas konnte ich mir nicht ansehen, nicht jetzt. Vielleicht in ein paar Monaten, aber nicht im Moment – zu tief saß noch der Schmerz, zu nah waren noch die Erinnerungen, zu deutlich. Es fühlte sich an, als wären sie tief in mein Hirn eingebrannt. Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder sah ich es vor mir, hörte die Schüsse und spürte das Blut, ihr Blut.

Vorsichtig fühlte ich eine Hand an meiner Schulter und merkte erst jetzt, dass ich eingeschlafen war.
„Hey ich bin da.“, flüsterte die bekannte Stimme, „Keine Angst, es wird wieder gut. Mit der Zeit gewöhnst du dich an die Bilder, vertrau mir.“
„Nein John, ich weiß, wie es damals war, aber so ist es nicht. Er stand mir nicht so nahe, er stand dir nicht so nahe, wie sie mir. Sie war mein Leben und jetzt ist sie weg und kommt nie wieder, verstehst du nicht, sie wird nicht wieder kommen, nie mehr.“, sagte ich aufgebracht und merkte, wie ich wieder anfing zu weinen.
John nahm mich in den Arm. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
Eine Stewardess kam öfters vorbei und fragte John, ob mit mir etwas nicht stimmte, doch John sagte immer, es sei alles in Ordnung.

Nach weiteren vier Stunden Flug kamen wir endlich an. Die Tür des Flugzeugs ging auf und ich schritt hinaus. New York, eine bessere Stadt zum Untertauchen, hätte er sich gar nicht aussuchen können.
Wir verließen den Flieger und gingen durch die Passkontrolle zu einem Taxi.
John sagte dem Taxifahrer, wo er hin musste, während ich schweigend aus dem Fenster starrte. Seit der Flucht heute Mittag waren meine Gedanken und mein Wahrnehmungssinn wieder aufgeklart. Sie riss mich aus der Trance heraus.
„Wir sind gleich da, Lola.“ Ich nickte, „Denk dran, den Erziehern deinen neuen Namen zu nennen.“ Nochmals nickte ich.
Einige Minuten später hielt das Taxi vor einem großen tristen Haus. Es war genauso grau und unfreundlich, wie ich es mir vorgestellt hatte.
„Ich soll nicht dort in diesem Dreckloch leben, oder?! Das ist nicht dein Ernst!“, schrie ich ihn an.
„Es ist nur für kurze Zeit, Isabella.“ Bei dem Namen zuckte ich zusammen. Nie nannte er mich so. Dieser Name gehörte meiner Vergangenheit an, dachte ich, bis ich auf den Ausweis starrte. Er hatte tatsächlich meinen richtigen Namen verwendet, wie dumm war er eigentlich. Aber jetzt war es zu spät zum Protestieren.

Wir stiegen aus und er brachte mich hinein.
„Guten Tag“, sagte eine ältere Frau freundlich, „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich hatte gestern schon angerufen. Isabella hat ihre Eltern verloren und es gibt keine Angehörigen mehr“ Sie nickte, das hieß, sie wusste Bescheid.
„Komm gerade mit, wir müssen deine Personalien aufnehmen und dich nachher noch an der Schule anmelden. In welcher Stufe warst du noch einmal?“
„In der Elften“
Es dauerte Stunden, bis sie meine ganzen Personalien hatten. Was sie alles wissen wollten, es war unglaublich. Doch, als sie fragte was passiert sei, verweigerte ich mich.
Irgendwann stand die Frau, deren Namen ich immer noch nicht wusste, auf und brachte mich in ein tristes Zimmer.
„Hier wirst du die nächste Zeit wohnen, bis wir jemanden gefunden haben. Morgen beginnt die Schule, du musst pünktlich dort ankommen und wir erwarten auch, dass du dich vor zehn Uhr abends wieder hier einfindest, hast du das verstanden?!“ Ich nickte. Widersprechen war eh sinnlos.
Sie verließ das Zimmer zusammen mit John und ich blieb alleine zurück. Nie wollte ich in so einem Albtraum enden. Nie hätte ich damit gerechnet, dass genau mir so etwas passieren würde. Hätte ich dieses Dilemma auch nur geahnt, wäre ich geflohen, bevor ich ihn überhaupt getroffen hatte.
Ich ließ mich auf das hässliche Bett fallen und fing an zu weinen. Alles heulte ich aus mir heraus. Meinen Kummer, meine Ängste. Nichts sollte morgen in der Schule irgendjemanden dazu veranlassen, sich Gedanken über meine Vergangenheit zu machen.
Niemand sollte wissen, wo ich zurzeit lebte und warum ich die Schule gewechselt habe.
Aber das war das geringste Problem.
Wenn ich eine neue Familie bekam, musste ich ihnen dann auch mein wahres Alter verschweigen, musste ich dann so tun, als hätte ich keine Ahnung von Autos? Was würden sie sagen, wenn sie mich mit zwei 25 Jährigen zusammen sehen.
Alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Ich hatte Angst vor der Zukunft, Angst davor zu vergessen, wer ich war, was ich war.

Mir lief ein Schauer über den Rücken, bevor ich irgendwann vor Erschöpfung einschlief.
Doch meine Nacht wurde früher beendet, als erwartet.
Ich träumte schlecht. Alles fühlte sich so echt an. Ich sah mehrere unzusammenhängende Bilder hintereinander. Zuckte zusammen und wachte schweißgebadet auf. Automatisch schaute ich auf die Uhr. 

3.30

Super. 

Ich drehte mich um, versuchte wieder in den Schlaf zu finden, aber ich war zu verängstigt. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Nun lag ich wach im Bett und wartete darauf, dass die Sonne aufging.

Dienstag, 15. Februar 2011

Kapitel 1 - Mein altes Leben


Ich bin Isabella Swan und lebe mitten in Frankfurt am Main. Im Moment gehe ich noch zu Schule, mit 19, doch ich hatte keine Wahl. Ich wollte einen Abschluss haben, den besten.
Ich war noch nie dumm, doch ich musste ein Jahr aussetzen.
Zu meinen Eltern habe ich schon lange keinen Kontakt mehr, das letzte Mal sah ich sie mit 13, das war, als ich meinen ersten Freund James kennenlernte.
Seitdem habe ich einen anderen Namen und drei verschiedene Identitäten.
Nie hatte ich die Wahl selbst zu entscheiden was ich tun und was ich lassen möchte, alles wurde von ihm entschieden.
Nach zwei Wochen nahm er mich zu einer Veranstaltung mit. Er verriet mir nicht, wo wir hingingen, er meinte nur, dass es um Autos gehen würde.

Ja, es ging tatsächlich um Autos, ich nahm an meinem ersten Straßenrennen teil. Ich war die Beifahrerin von James und war begeistert.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung was es bedeutete Beifahrerin zu sein, ich wusste nicht, dass es vor allem nach dem Rennen um die Mädchen ging.
Zuerst wunderte ich mich, dass nur die Männer die Wagen fuhren, doch bald darauf klärte sich diese Frage und mein Alptraum begann.

Nie hätte ich geglaubt jemals wieder frei zu sein, doch zwei Jahre danach war dies zum Greifen nah. Mein Freund wurde bei einer Schießerei getötet und ich überlebte nur durch das Glück, nicht entdeckt worden zu sein.
Ja, ich war tatsächlich frei, doch ich kannte keine andere Welt, als die, in die ich hineingezwängt worden war.
Ich war damals froh, dass ich auch mal selbst fahren durfte, wenn wir alleine waren, doch das war eine Seltenheit und dennoch liebte ich es.
Seitdem er tot ist, verbrachte ich jeden gottverdammten Tag auf einer Rennstrecke. Ich lehrte mir selbst die Kunst des Autofahrens, und wenn ich mal nicht weiter wusste, dann fragte ich meinen besten Kumpel John.
Er half mir immer.

Je mehr ich trainierte, desto besser wurde ich. Zum Spaß fuhr ich auf der Autobahn Rennen gegen John und andere Jungs und ich schlug sie alle.
Ich wollte fahren, ich wollte gewinnen und ich wollte jedes Mädchen vor dem beschützen, was mir wiederfahren war. Also schlug John vor, ich solle in diesen Sport einsteigen und zwar als Junge.
Von da an wurde ich Rick genannt. Ich bekam ein Mädchen zugeteilt, ihr Name war Lina und zusammen waren wir unschlagbar. Aus Freundschaft entwickelte sich mit der Zeit Liebe.
Lina war mein Leben, denn Jungs konnte ich, seitdem ich 13 war, nicht mehr vertrauen. Nach zwei Jahren Vorbereitung trat ich mit 17 zu meinem ersten Rennen an. Niemand erkannte mich.
Für meine Gegner war ich Rick. Es ging um die Autos, die wir fuhren und um die Mädchen, die neben uns saßen, der Gewinner bekam beides – das Auto für immer, das Mädchen für eine Nacht.
Und so gewann ich mein erstes Rennen. Ich tat dem Mädchen nichts, sondern sorgte dafür, dass sie fliehen konnte.

Die Siegesreihe setzte sich fort. Egal, gegen wen ich antrat, ich gewann das Rennen. Mein Können steigerte sich immer weiter. Noch immer verbrachte ich jede freie Minute auf der Rennstrecke, trainierte und wurde besser.
Gegen John konnte ich schon lange nicht mehr fahren - ich war zu gut für ihn. Er suchte mir immer wieder neue Leute, die Lust hatten sich mit Rick zu messen.
Doch nun machten wir das nicht mehr auf der Autobahn, sondern auf der Rennstrecke. Es war sicherer und unauffälliger.
John hatte für einen Mechaniker gesorgt, der alle anderen in den Schatten stellte, Mikel, er war klasse. Jedes Auto hatte Knöpfe, von denen nur ich wusste und sie halfen ungemein.
Ich setzte mich mit jeder Mechatronik in jedem Auto auseinander und ließ mir alles genauestens erklären. Rennen fahren hieß 100 prozentige Konzentration auf alles und jeden. Der kleinste Fehler entschied über Leben und Tod.
Schutzwesten unter dem  Pulli gehörten bei uns zur Standardausrüstung, denn es kam oft zu plötzlichen Schießereien.
Mittlerweile habe ich jeden geschlagen und besitze Autos von denen andere nur träumten. Doch einer, der Gefährlichste von allen, fehlte noch. Er war schuld an dem Tod von James.
Ich wollte mich nicht an ihm rächen, wegen des Todes, sondern wegen dem, was er mir nach dem letzten Rennen von James angetan hatte.
Ich war kein Mensch, der zu Gewalttaten neigte, wollte es auf der Strecke klären und ihm zeigen, wie mein Auto von hinten aussieht.


Der Tag begann wie jeder andere. Ich ging morgens in die Schule und traf dort Lina. Wie immer begrüßten wir uns mit einer Umarmung.
„Wie geht’s dir Lola, alles fit? Bist du bereit für das große Rennen heute Abend?“
„Schht, das soll hier möglichst keiner mitbekommen und das weißt du. Klar bin ich bereit, den machen wir alle.“ Ich war übermütig, ich kannte meine Chancen. Bis jetzt hatte ich immer haushoch gewonnen.
„Das ist mein Mädchen.“, flüsterte sie und küsste meine Wange.
Lina kannte meinen wahren Namen nicht. Niemand kannte ihn. Ich hatte einen gefälschten Pass und einen gefälschten Ausweis, auf beiden war ich mittlerweile 21.

Nach der Schule ging ich zu John in die Werkstatt. Ich umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann ging ich zu Mikel, der an meinem Auto für heute Abend arbeitet, und begrüßte ihn genauso.
Sie waren wie Brüder für mich, seit ich in diese Branche unfreiwillig hineingerutscht war, versuchten sie mich so gut es ging zu beschützen, doch ich ließ sie nicht nahe an mich heran.
Selbst mit Lina tauschte ich kaum Zärtlichkeiten aus. Ich hielt mich von so gut wie allem, was mit Sex zu tun hatte, seit vier Jahren fern, zu groß ist die Angst.
Lina akzeptierte das und genau dafür liebte ich sie. Sie nahm mich so, wie ich war. Sie sah mich nicht als gebrauchte und beschädigte Ware.

„Habt ihr eure Schutzwesten für nachher dabei?“, fragte John und ich nickte.
„Meine liegt im Kofferraum von meinem Auto.“
„Mit welchem bist du denn da?“, fragte er.
„Du weißt doch, dass ich normal immer nur mit meinem kleinen Ford Fiesta unterwegs bin.“ Ich wollte kein Aufsehen erwecken, deshalb schaffte ich mir so eine Karre an.
John nickte und verließ die Werkstatt, um ein paar Minuten später wieder mit meiner Schutzweste auf dem Arm hereinzukommen.
„Lina, wo hast du deine?“
„Ich hole sie nachher noch. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit oder?“
„Klar.“

„Lass uns das Auto testen. Du solltest es einmal gefahren sein, bevor du es heute Abend auf die Strecke bringst.“
John hatte recht. Ich musste das Verhalten des Autos kennenlernen und wissen, wie es auf der Straße liegt.
„Bist du denn schon fertig?“, fragte ich Mikel.
„Türlich, teste deine neue Karre, ich will wissen, ob sie funktioniert.“, er grinste dreckig. Das machte er immer, wenn er sich besonders viel Mühe gegeben hatte.
„Fährst du mit, Schatz?“
Lina nickte und lief sofort in Richtung Auto.
Ich stieg ein, drehte den Schlüssel herum und begab mich zur Rennstrecke. Das Auto war genial. Es war superschnell und reagierte genau so, wie es sollte. Es war perfekt auf mich eingestellt.
Lina grinste neben mir. „Ich liebe es, dir beim Autofahren zuzusehen. Du strahlst übers ganze Gesicht, du solltest dich mal sehen.“
Jetzt grinste ich auch. „Es ist mein Leben, was erwartest du?!“

Nach zwei Stunden Probefahrt kamen wir zurück in die Werkstatt und machten uns für heute Abend fertig. Ich zog meine Schutzweste an, einen weiten Pullover darüber, steckte meine Haare ganz weg und zog eine Hopperkappe auf.
Meine Baggies waren viel zu weit, aber dadurch wirkte ich noch eher wie ein Typ. Von Minute zu Minute wurde ich aufgeregter und wartete schon sehnsüchtig auf meine Begleiterin, bis sie endlich eintraf.
„Können wir, habt ihr alles?“, fragte John. Wir nickten. Wie immer wenn es zu diesen Rennen ging, fuhren wir in getrennten Autos, niemand sollte eine direkte Verbindung zwischen uns erkennen können. Nur Lina saß bei mir im Auto.
„Und bist du schon aufgeregt?“, fragte sie mich.
Ich nickte. „Ich glaube so viel Adrenalin ist noch nie durch meinen Körper gerast“ – nur im Hinterkopf wusste ich, dass das nicht stimmte.
Als wir an dem vereinbarten Treffpunkt ankamen, stand er, Ryan schon bereit. Ich stellte das Auto ab und trat zu ihm heran.
„Um was fahren wir?“, fragte ich automatisch.
„Ich bekomme deine Karre und dein Mädel, wenn ich gewinne. Wenn du gewinnen solltest, dann bekommst du den Vanquish und mein Mädel, gebongt?“ Er hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.
Sobald alle Zuschauer eingetroffen waren, begaben wir uns in die Autos und ließen die Motoren an.

Es ging um viel, für mich ging es um alles, ich wollte als Sieger aussteigen.
Gebannt starrte ich auf das Mädchen zwischen uns, das ein Tuch in der Hand hielt. Ich hatte die Kupplung und das Gas durchgetreten und ließ die Kupplung sofort kommen, sobald das Tuch ihre Hand verlassen hatte.
Es war ein Traumstart. Lina und ich arbeiteten perfekt zusammen, alles funktionierte. Doch Ryan war der stärkste Gegner, den ich je hatte. Der Vorsprung reicht kaum aus, er war schnell und vor allem sicher unterwegs.
„Lola, du musst Gas geben, schnell, wir haben keinen Vorsprung mehr, gleich zieht er an uns vorbei!“, schrie mich Lina an.
Ich konzentrierte mich auf die scharfe Kurve, die direkt vor uns lag und wusste, dass jene über alles entschied. Wenn ich hier sauber durchkäme, dann hätten wir gewonnen. Ich hielt auf die Kurve drauf und alles funktionierte perfekt.
Ich driftete sauber um die Kurve herum und stand direkt dahinter wieder voll auf dem Gas.
Ich hörte das Auto hinter mir und wusste, dass es verdammt knapp werden würde, noch 500 Meter bis zum Ziel, ich musste alles geben um ihm vom Überholen abzuhalten.
„Lina, du musst mich dirigieren. Mach schon nur so können wir gewinnen.“
Sie schaute augenblicklich nach hinten und gab mir genauste Anweisungen.




200 Meter





100 Meter
„Er ist fast zu nah, wenn er jetzt richtig im Windschatten fährt, ist er vorbei.“, schrie sie.
Ich holte absolut alles aus der Karre und fuhr so, das ihm nicht die Möglichkeit bestand zu überholen. Und dann





50 Meter





ZIEL
Ich trat auf die Bremse und hielt wenige Meter dahinter an. Ich konnte es nicht glauben, wir hatten gewonnen.
Wir stiegen aus und bekamen nicht mit, dass Ryan das Auto bereits verlassen hatte.
Lina lief zu mir und fiel mir in die Arme. Sie weinte vor Freude, doch dann ganz plötzlich innerhalb von wenigen Sekunden änderte sich mein Leben erneut - schlagartig.
Ich hörte Schüsse und dann spürte ich einen starken Druck an meiner Brust. Lina verdrehte die Augen und in dem Moment wusste ich, was passiert war.
Automatisch ließ ich mich mit ihr fallen und schloss die Augen, blieb ganz ruhig liegen, damit nicht auffiel, dass ich noch lebte.
Dann hörte ich das Quietschen von Reifen und öffnete vorsichtig meine Augen. Lina lag auf mir und überall um uns herum war Blut. Ich spürte ihren schwachen Atem an meinem Hals.
„Lina, wo ist deine Schutzweste.“, fragte ich wie in Trance, „Bitte, sag mir nicht, dass du sie nicht an hast.“ Ich spürte es, sie hatte sie nicht an.
Es wurde warm um uns herum. „Du kannst mich jetzt nicht verlassen, ich brauche dich, ich liebe dich.“, flehte ich sie an. Mir liefen die Tränen aus den Augen, das durfte nicht wahr sein, bitte lass es nicht wahr sein.
Vorsichtig setzte ich mich auf und hielt sie in meinen Armen. Sie schaute mir in die Augen und flüsterte ganz leise: „Ich liebe dich, küss mich.“ Langsam drückte ich meine Lippen auf ihre und spürte, wie sie den Kuss erwiderte.
Dann ließ ich von ihr ab und blickte ihr wieder in die Augen. Eine einzige Träne lief heraus, bevor ihr Blick starr und leblos wurde.
Ich schluchzte automatisch auf, strich ihr mit der Hand über die Augen und schloss diese. Nochmals drückte ich meine Lippen auf die des toten Mädchens und wippte wie in Trance vor und zurück. Meine Tränen flossen über meine Wangen und tropften auf ihren blutgetränkten Körper.
Irgendwann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, doch ich schaute nicht auf. Immer wieder sagte ich ihr, dass ich sie liebte, und realisierte nur noch, wie jemand sie von mir herunter hob. Anscheinend war es irgendein Sanitäter.
Vor Schreck so jemanden hier zu sehen, schaute ich mich um, doch nichts ließ mehr auf ein illegales Rennen schließen.

Irgendwann hörte ich Johns Stimme, er sprach mich mit meinem echten Namen an. „Ist alles in Ordnung, Bella? Komm wir sollten hier weggehen. Du bist voller Blut. Lass es uns abwaschen gehen.“ Ich konnte ihm nicht antworten und bekam es auch nicht mit, wie er mich vom Boden hochhob. „Ich muss hier weg.“, sagte ich nur.
„Ich weiß. Wir werden dir dabei helfen. Aber du musst dich erst einmal beruhigen.“ Er setzte mich in sein Auto und fuhr los. Noch immer stand ich unter Schock. Bekam nur abwesend mit, wie er mich auszog und unter die Dusche stellte, wie er mich wieder anzog und in Bett brachte. Ich vernahm nur noch ein Rauschen um mich herum. Das Einzige, was ich ein bisschen hörte, war seine Stimme.
Er strich mir über den Kopf und wollte gerade aufstehen, um zu gehen als ich ein leises „Bitte bleib“, herauswürgte. Er nickte, legte sich neben mich und nahm mich in den Arm.